09 April 2017

Gesichter und ihre Geschichte

Neulich hatte ich mit einem alten Bekannten eine Diskussion. Mein Standpunkt dabei war, dass Gesichter immer eine Geschichte mit sich tragen. Sie sind das erste was einem bei einer Begegnung ins Auge sticht. In manchen Gesichtern kann man regelrecht lesen, was sie schon alles erlebt haben, andere sind einfach nur ein Rätsel. Dennoch ist jedes Gesicht individuell, einzigartig und von seiner ganz eigenen Schönheit.

Diese Diskussion war Anlass für mich, euch heute mal die Geschichte hinter diesem Portrait zu erzählen.

Es ist eines meiner liebsten, vielleicht sogar das liebste, Selbstportrait, das ich von mir habe. Es ist so ausdrucksstark. Zudem zeigt es eine gewisse Erhabenheit, die mich während der Entstehungszeit auch stark beeinflusst hat. Bei der Bearbeitung bin ich bewusst etwas dunkler vorgegangen, um die Stärke des Ausdrucks einfach noch etwas mehr zu untermauern.

Doch nun zur Geschichte hinter dem Bild.

Achtung! Eventuell fühlt sich der ein oder andere von meiner Meinung angegriffen - doch ich rede hier nur von meiner Sichtweise.

Als das Foto entstanden ist, wusste ich seit ungefähr einer Woche, dass ich schwanger bin. Und an dem Tag war es noch etwas eine weitere Woche hin, bis ich meinen Abtreibungstermin hatte.

Das ist der Grund, warum dieses Foto für mich so ausdrucksstark und erhaben ist. Für mich sagt dieses Gesicht einfach aus, dass ich der Herr über meinen Körper bin und allein darüber entscheide, ob in meinem Körper Platz für neues Leben ist oder nicht. Es war kein Platz dafür. Weil ich es nicht wollte. In dem Moment, als mir die Frauenärztin bestätigte, was mir der Schwangerschaftstest schon vorab verraten hat, wusste ich, dass ich eine Mörderin sein werde. Und ich hatte dabei nicht mal ein schlechtes Gewissen. Nach wie vor nicht.

Meinen Freund hingegen hat das Ganze ziemlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Immerhin habe ich ein Stück von ihm getötet. Doch in der Hinsicht konnte ich ihm nicht einmal wirklich Mitleid entgegen bringen. Es hat ihn ziemlich getroffen, dass ich mit der Sache so eiskalt umgegangen bin. Doch ich hätte nicht gewusst, wie ich mich anders hätte verhalten sollen. Für mich war das ein Parasit, der sich in meinem Körper eingenistet hat und den ich da so schnell wie möglich wieder raus haben wollte.

Für mich war der Zustand "schwanger" einfach vollkommen unerträglich. Ich habe mich in meinem Körper nicht wohlgefühlt und wollte alsbald in den Urzustand zurückkehren. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ich konnte und wollte nicht zulassen, dass da etwas in mir heranwächst, das ich nicht haben will und das ich nicht mögen oder lieben oder sonst was könnte. Ich hätte diesem Etwas nichts bieten können und auch nicht wollen. Es wäre ein Klotz am Bein gewesen.

Ich habe nichts gegen Kinder. Oft genug habe ich schon den Babysitter gespielt. Habe in Schule und Hort gearbeitet. Aber eigene Kinder kommen mir dabei nicht in den Sinn. Ich kann mir ein Leben ohne Kinder sehr gut vorstellen und weiß, dass mir nichts fehlen wird.

Desweiteren habe ich in dieser Zeit gelernt, dass Frauen noch immer unterdrückt werden. Egal wem ich erzähle, dass ich eine Sterilisation anstrebe, bekomme ich IMMER als Antwort: "Aber Sie sind  doch noch so jung. Vielleicht ändert sich Ihre Meinung und Sie würden Ihre Entscheidung am Ende bereuen ..." Nein. Ich würde nichts bereuen. Wenn ich heute weiß, dass ich ohne Kinder leben möchte, dann wird sich das weder morgen noch übermorgen ändern. Eine solche Entscheidung trifft man einmal. Endgültig.

Das war sie, die Geschichte hinter dem Foto. Mein Wort zum Sonntag.
Gerne dürft ihr mich jetzt in den Kommentaren steinigen. 😈

Kommt gut in die neue Woche!

Kommentare:

  1. Toller Post Mary !
    Ehrlich und authentisch. Mein Respekt !

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  2. Sehr ehrlich und ein Thema, dass viel zu wenig angesprochen wird.
    Toll das zumindest Du den Mut hattest :)
    Ich drücke mich immer noch davon, mal schauen wann ich meinen Mut zusammen nehmen kann.

    Kuss
    Justine

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    1. Danke, meine Liebe!
      Ich hab ihn auch einige Zeit vor mich hergeschoben. Vielleicht brauchst Du nur einen kleinen Anstupser, so war es zumindest bei mir.

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